Werte und Freimaurerei

Werte, freimaurerische Werte, gesellschaftliche Werte, politische Werte, religiöse Werte, interkulturelle Werte, Werte in der Erziehung, werteorientiertes Denken und Handeln – eigentlich alles bekannt. In den Jahrtausenden der bekannten Geistesgeschichte gab es wirklich niemanden der zum Thema Werte nicht seinen Kommentar abgegeben hat.

Doch – was sind eigentlich Werte? Wo kommen sie her? Wer definiert sie? Und für wen gelten sie? Gibt es Werte, die für alle Menschen unabhängig von erlernter Kultur und individueller Weltanschauung gelten?

Beginnen wir mit einer kurzen Definition.

Wertvorstellungen oder kurz Werte bezeichnen im allgemeinen Sprachgebrauch Eigenschaften, die als erstrebenswert oder als moralisch gut betrachtet werden. Es geht um Eigenschaften und Qualitäten, um Objekte und Ideen, um praktische und sittliche Ideale, um Handlungsmuster oder Charaktereigenschaften. Doch wer legt fest, was gut und erstrebenswert ist? Die Religion? Die Gesellschaft? Der Einzelne? Der Zeitgeist oder gar ein Trend? Und was ist eigentlich gut? Wie definiert man „gut“?

Der Werte-Begriff erfährt beispielsweise in der Volkswirtschaftslehre, in der Betriebswirtschaft oder in der Finanzwirtschaft eine komplett andere inhaltliche Bedeutungszuweisung als in den Geisteswissenschaften.

Das Ziel ökonomischen Handelns ist es, eine höchstmögliche materielle betriebliche Wertschöpfung (= Gewinn) zu erzielen. In der Ethik geht es um das Schaffen ideeller Werte.

Vertreter einer Philosophie der Werte sind der Ansicht, dass die Wertfrage bereits seit den Anfängen des philosophischen Denkens gestellt wurden. So finden sich die Fragen nach Charakter und Seinsweise beispielsweise in der Nikomachischen Güterethik des Aristoteles. Die antike Güteethik aristotelischen Ursprungs wurde in der Theologie aufgegriffen und im Rahmen der Moraltheologie weitergeführt.

Die Bedeutung des Wertbegriffs verändert sich aber, je nachdem ob die Wertzuschreibung

  • von Einzelnen,
  • von sozialen Akteuren
  • oder von einer Gesellschaft erfolgt

und ob sie als

  • objektive Erkenntnis – wer auch immer das festlegt???
  • oder als subjektive Haltung verstanden wird.

Ein IS-Kämpfer, der basierend auf seiner Wertevorstellung sich selbst und andere tötet, handelt konsequent im Rahmen seiner Werte. Und ein US-Präsident, der mit Hilfe von Drohnen Menschen tötet, um in einer bestimmten Region sogenannte „Feinde der Demokratie“ oder „die Achse des Bösen“ zu eliminieren, handelt streng im Rahmen seiner Werte, wonach im 2. Fall der Wert „Dursetzung demokratischer Strukturen“ alle anderen Handlungen rechtfertigt.

Was ist also an Werten gut? Sind meine Werte besser als die Werte der Anderen?

Die Basis der jeweiligen Wertvorstellung liegt in der jeweiligen Gesellschaft. Sie ist historisch gewachsen und bedient sich fest definierter Autoritäten – politisch, gesellschaftlich, philosophisch oder religiös. Im Zusammenspiel der unterschiedlichen Werte bildet sich ein Wertesystem bzw. eine Werteordnung mit einer gewichteten Werte-Hierarchie.

Wird diese Werteordnung mit dem alleinigen Anspruch auf Wahrheit verknüpft wird sie zur Ideologie, die sich allen anderen Werteordnungen unterordnen muss.

Doch kommen wir zum Thema Moral.

Der deutsche Ausdruck „Moral“ geht auf das lateinische „moralis“ (die Sitte betreffend) zurück, und wird beispielsweise in dem von Cicero neugeprägten Ausdruck Philosophia Moralis verwendet.

Moral beschrieb ursprünglich wie Menschen faktisch handeln und welches Handeln in bestimmten Situationen erwartet bzw. für richtig gehalten wird.

Dieser rein deskriptive Bedeutungsaspekt einer Moral wird auch als Sittlichkeit oder Ethos bezeichnet. Er umfasst „regulierende Urteile und geregelte Verhaltensweisen“, ohne dass die rationale oder moraltheoretische Rechtfertigung derselben beurteilt oder bewertet wird.

Der im letzten Jahr verstorbene Biologe Hans Mohr, einer der Vertreter der biologischen Wissenschaftstheorie, stellte die These auf: „Wir brauchen moralisches Verhalten nicht zu lernen – es ist eine angeborene Disposition, die uns befähigt, das moralisch Richtige zu treffen.“

Schön wäre es. Die konkreten Moralvorstellungen eines Menschen sind kulturell geprägt. Sie äußern sich etwa in

  • der „goldenen Regel“ – Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst,
  • in religiösen Handlungsvorschriften (etwa die Zehn Gebote im Christentum, die Fünf Silas im Buddhismus oder die Traumzeit-Mythologie der australischen Aborigines)
  • aber auch in den Rechtsnormen der Staaten.

Das Interessante an der goldenen Regel ist der Perspektivenwechsel. Sie macht das Sich-Hineinversetzen in die Lage Betroffener zum Kriterium für moralisches Handeln. Das gilt als Schritt zu ethischer Eigenverantwortungmit der Möglichkeit zur Selbstkorrektur.

Die goldene Regel enthält aber keine inhaltliche Norm für richtiges oder falsches Verhalten. Dies gilt gleichermaßen für den kategorischen Imperativ eines Emanuel Kant.

Ist es sinnvoll, wenn die eigene Wertevorstellung zum bestimmenden Faktor des Handelns wird? Die Konsequenzen sehen wir tagtäglich in den Nachrichten.

Die Entscheidungen über Werte sind konstitutive Elemente einer Kultur. Sie dienen der Definition und Identifikation mit einem Sozialsystem, einer Gruppe oder einer Gesellschaft.

Umgekehrt ist die Kultur das Medium, in dem Wertvorstellungen weitergegeben und verändert werden können, entweder durch direkte Vermittlung von Wertentscheidungen (z.B. Erziehung), durch Gewohnheiten, Bräuche etc.

Modern ist ja gerade das Thema Integration, also die Anpassung von Menschen aus einem anderen Wertesystem an das lokal bestehende.

Der vor zwei Jahren verstorbene polnische Philosoph, Logiker und Mönch Bochenski unterschied 1959 drei Gruppen immaterieller Werte, die man durch sein Verhalten verwirklichen kann: die moralischen, die ästhetischen und die religiösen.

  • Die moralischen Werte sind Forderung zur Tat; sie enthalten das Tun-Sollen.
  • Die ästhetischen Werte enthalten das Sein-Sollen.
  • Die religiösen Werte als Verbindung moralischer und ästhetischer Werte berücksichtigen auch das Nicht-Sein-Sollen und das Nicht-Tun-Sollen und geben es in Form der Sünde an.

In der jüngeren Diskussion sind die Versuche, Werte ontologisch oder anthropologisch zu begründen, stark in die Kritik geraten. So argumentiert der Freiburger Philosoph Andreas Urs im Sommer 2016: „Werte sind „regulative Fiktionen“, die je nach den individuellen und sozialen Bedürfnissen immer wieder umgestaltet werden. Die Vorstellungen ewiger, für sich bestehender Werte weist Urs zurück, ohne jedoch einen Werteverfall zu diagnostizieren. Werte seien notwendig und begrüßenswert. Kurzum – Werte nützendem gesellschaftlichen Zusammenhalt und der individuellen Identität.

Ein mit der Kultur vermittelter Wert dient als Richtlinie für den Menschen zum Verständnis bzw. zur Erkenntnis der Welt und wird infolgedessen bei der Planung des Verhaltens zur Prämisse. Werte geben Dingen oder Menschen eigene Bezugspunkte und wirken somit sowohl anziehend als auch abstoßend.

Es geht also um das Konstrukt einer Individuum-Welt-Beziehung. Dabei wird der Wert entweder als Komplex von Wirkungsfaktoren der Welt auf das Lebewesen wahrgenommen oder als Konzept des Individuums zur Gestaltung der Welt verwendet.

Der Psychoanalytiker Victor E. Frankl bezeichnete in diesem Zusammenhang Werte als Basis für eine umfassende Sinnmöglichkeit. Das bedeutet, Werte dienen der gesellschaftlichen und individuellen Motivation.

Aus Werten lassen sich soziale Normen, also konkrete Vorschriften für das Handeln ableiten. Und hier liegt eine der Quellen des Konflikts. Werte und die daraus resultierenden Handlungs-Vorschriften wandeln sich im Laufe der Zeit. Die Ursachen für den Wertewandel sind vielfältig (veränderte Umweltbedingungen, Konflikthaltung gegenüber anderen Generationen usw.). Betrachtet man Werte abstrakt für sich, so treten sie in konkreten Situationen miteinander in Konflikt. Es ist dann nicht möglich, sich so zu verhalten, dass man allen Werten gleichzeitig gerecht wird.

So steht beispielsweise der Wert des Wohlstands im Konflikt mit dem Wert der Nachhaltigkeit oder der Wert der individuellen Freiheit mit anderen Werten, etwa der Gleichheit.

Gibt es universelle Werte?

In den 1980er Jahren hatte der Psychologe Shalom H. Schwartz zusammen mit Wolfgang Bilsky die Frage aufgeworfen, ob es universelle Werte gibt. Er entwarf ein Wertemodell und postulierte eine Anzahl von Werten, die alle Menschen in unterschiedlichen Ausprägungen gemeinsam haben müssten.

Das InterAction Council, eine Expertengruppe aus Politikern, Sozialwissenschaftlern und Vertretern weltweiter Religionsgemeinschaften erarbeitete eine möglichst umfangreiche Minimalsynthese, ausgehend von politischen Prämissen und einer Bestandsaufnahme weltanschaulicher und religiöser Ideale. Und das als Ergänzung zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte den „Vereinten Nationen.

In 19 Artikeln wird menschenfreundliches Handeln genauer behandelt. So gehört es zu den grundlegenden Richtlinien,

  • sich friedlich zu verhalten,
  • andere Menschen freundlich und verständnisvoll zu behandeln
  • und hilfsbereit zu sein.

Kein Mensch, kein Staat, keine Organisation, keine soziale Gruppe und kein staatlicher Apparat steht über den Dingen oder jenseits von Gut und Böse. Jeder Einzelne ist seinem Gewissen unterworfen, trägt die Folgen seines Handelns und soll sich im Geist der Brüderlichkeit verhalten. Dies verbietet das Kriege führen, die Gewalt und den Terrorismus, schließt allerdings die Selbstverteidigung im Falle eines Angriffs nicht aus.

Es wird ein Leben in Wahrhaftigkeit und Toleranz gefordert. Dies bedeutet zum Beispiel, dass niemand seine Mitmenschen belügen, betrügen oder manipulieren soll.

Hass, Gewalt und Krieg im Namen einer Religion, einer Weltanschauung oder einer politischen Meinung widersprechen dieser Erklärung. Religionsgemeinschaften und Autoritäten, die Feindschaft, Gewalt, Intoleranz oder gar Krieg predigen, verdienen den Verlust ihrer Gefolgschaft und ihres Ansehens.

Einen hohen Stellenwert hat die Gleichwertigkeit von Mann und Frau und die Partnerschaftlichkeit in der Ehe. Das Zusammenleben von Mann und Frau soll von Liebe, Treue, Dauerhaftigkeit und Respekt geprägt sein. Die Ehe soll den Ehepartnern und den Kindern Geborgenheit und Schutz geben. Es darf niemand gegen seinen Willen gezwungen werden, zu heiraten. Sexuelle Ausbeutung und Gewalt werden als verwerflich abgelehnt.

Ein weiterer Artikel fordert ein gerechtes und faires Verhalten und einen angemessenen Umgang mit Eigentum. Jede Form des Diebstahls, der Ausbeutung, des Betrugs, der Benachteiligung sowie eine ungerechte Wirtschaftsordnung werden als ungerecht und unmenschlich betrachtet. Jeder Mensch soll sein Eigentum so gebrauchen, dass es zugleich der Allgemeinheit dient.

Die Ehrfurcht vor dem Leben beschränkt sich in dieser Erklärung nicht auf das menschliche Leben, sondern schließt Tiere, Pflanzen, den Erdboden, das Wasser und die Luft mit ein. Die Menschen sollen Sorge dafür tragen, dass die Natur und die Mitgeschöpfe geschützt und erhalten werden.

Der letzte Artikel legt fest, dass keine Bestimmung dieser Erklärung so ausgelegt werden darf, dass ein Staat, eine Organisation, ein Staatsapparat, eine Religionsgemeinschaft, eine soziale Gruppe oder ein einzelner Mensch die Menschenrechte von 1948 (Grundrechtecharta) verletzt.

Werte in der Freimaurerei

Wie sieht es jetzt mit den Werten der Freimaurerei aus? Die Freimaurerei, versteht sich als ein ethischer Bund freier Menschen mit der Überzeugung, dass die ständige Arbeit an sich selbst zu einem menschlicheren Verhalten führt.

Die Freimaurerischen Werte entstammen in ihren Grundzügen dem Zeitalter der Aufklärung. Im Folgenden dargestellt als die fünf Grundpfeiler der Freimaurerei:

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität

  • Freiheit soll verwirklicht werden durch die Freiheit vor Unterdrückung und Ausbeutung als Grundvoraussetzung der Freiheit des Geistes und der Verwirklichung.
  • Gleichheit bedeutet Gleichheit der Menschen ohne Klassenunterschiede und Gleichheit vor dem Gesetz.
  • Brüderlichkeit wird verwirklicht durch Sicherheit, Vertrauen, Fürsorge, Mitverantwortung und die Verständigung mit- und untereinander.
  • Toleranz wird gelebt durch aktives Zuhören und Verständnis anderer Meinungen.
  • Humanität umfasst die Summe aller vorherigen vier Grundsäulen und wird durch den sog. Tempel der Humanität

Die Freimaurerei hat also nicht wirklich ein eigenes Wertesystem entwickelt. Sie hat das übernommen, was in der Zeit der Aufklärung en vogue war.

Das besondere Ziel der Freimaurerei liegt darin, diese Grundsätze im Alltag zu leben, um so das menschlich Gute in der Welt zu fördern.
Im freimaurerischen Sinn bedeutet Humanität die Lehre von der Würde des Menschen. In den Logen sehen Freimaurer daher bei ihrer Arbeit von allen gesellschaftlich bedingten Unterschieden ab, der Mensch an sich steht im Mittelpunkt. Und es ist der Auftrag an jeden Freimaurer diese Werte im Alltag zu leben.

Der Redner der Großloge und Bruder Prof. Dr. Höhmann hat fünf Gesichtspunkte hierzu aufgestellt: (ich zitiere)

  1. Freimaurer sind aufgrund ihrer Tradition mit der Entwicklung ethischer Werte verbunden und aufgrund dieser Tradition auch an der Umsetzung von Werten in der Lebenspraxis der Gegenwart interessiert. Werteerziehung gehört daher zu den wichtigsten Aufgaben der Loge.
  2. Freimaurer gehen davon aus, dass Werteerziehung scheitern muss, wenn sie nicht im Verhalten der einzelnen Menschen innerhalb der Gesellschaft eingeübt und verankert wird. Deshalb versteht sich die Ethik der Freimaurer in erster Linie als eine Ethik der Einübung.
  3. Freimaurer sind der Auffassung, dass die Gruppe das leistungsfähigste Medium der Werteerziehung und der Einübung wertebezogener Verhaltensweisen ist. Dies gilt für die Familie, den Kindergarten, die Schule und die Kirchengruppe ebenso wie für die Logen der Freimaurer.
  4. Freimaurer sind davon überzeugt, dass in der Freimaurerei geeignete Methoden zur Einübung von Werten vorhanden sind, und sie sehen diese in der sozialen, der diskursethischen und der rituellen Praxis der Loge.
  5. Freimaurer wissen, dass sie in der Praxis der Einübung und der alltäglichen Umsetzung von Werten immer wieder scheitern können, und sie haben dafür ein anschauliches Symbol, den rauen, unbehauenen Stein des eigenen Selbst, den sie immer wieder bearbeiten müssen.

Was fange ich jetzt damit an?

  • Die Werte der Freimaurerei wurden in der Zeit der Aufklärung genauso durchgesetzt wie aktuelle Drohnenmorde oder IS-Attentate.
  • Sie wurden mit dem Blut der Guillotinen geschrieben.
  • Als Freimaurer haben wir es nicht geschafft eigene Werte zu entwickeln.
  • Wir berufen uns also auf Werte, die nicht aus uns selbst geboren wurden.
  • Wir berufen uns auf Werte, zu deren historischer Durchsetzung der Zweck die Mittel gerechtfertigt hat.

Was bleibt für mich? Der raue Stein. Das ist etwas Neues. Der raue Stein ist meine Richtschnur und mein Ziel. Der raue Stein zeigt mir, was ich zu tun habe – an mir selbst zu arbeiten und somit zum Vorbild für andere zu werden.

  • Es geht nicht um die Durchsetzung von Werten nach außen,
  • sondern um das, was mir im Ritual zugerufen wurde: „Erkenne Dich selbst

Ich schließe mit einem tröstlichen Zitat aus dem Faust: „Wer immer streben sich bemüht – den können wir erlösen“.

(Wilhelm Gerbert, 2019)

 

Technik und die Grenzen der Ethik

Öffnen wir gerade die Büchse der Pandora, oder eröffnet sich eine faszinierende Chance für ein ethisch verantwortliches Handeln. Beginnen wir mit einem Zitat von Sarah Spiekermann, Professorin für Wirtschaftsinformatik in Wien, aus ihrem Buch „Digitale Ethik“: „Fortschritt braucht Weisheit und Mut – Maschinen fehlt beides.“ (Zitat Ende)

Apps und Programme verschicken unaufgefordert Informationen. Autos oder unsere heimischen Systeme werden ohne menschliches Zutun von externen Rechnern gesteuert, IT-Systeme und Arbeitsabläufe treiben Menschen in die Depression oder machen sie überflüssig . . . Menschen fragen sich, was macht die Digitalisierung, was macht die Technik mit mir und meinem Leben? Ist mein Job noch sicher? . . .

Was bedeutet denn „Grenzen der Ethik“? Eine Grenze kann es nur für Dinge geben, die messbar sind, bzw. eine Reihung von Werten, die von -x bis +unendlich reichen, bzw. einen definierten abgegrenzten Raum abbilden.

Ethik, also „das sittliche Verständnis“, ist jener Teilbereich der Philosophie, der sich mit den Voraussetzungen und der Bewertung menschlichen Handelns befasst. Der Begriff stammt vom griechischen Ethos = „Charakter, Sinnesart, Gewohnheit, Sitte, Brauch.

Im Zentrum der Ethik steht das spezifisch moralische Handeln, insbesondere hinsichtlich seiner Begründbarkeit und Reflexion. Das bedeutet also – es geht nicht um die Grenzen der Ethik, sondern um die Grenzen und den Wandel von Wert- und Moralvorstellungen. Diese allerdings sind als in sich begrenzter Raum gruppen-, bzw. regionalspezifisch und somit mess- und überprüfbar.

Doch werden wir konkret. Beginnen wir mit einem der derzeit größten sozialethischen Projekte des 21. Jahrhunderts. Dieses ist zugleich faszinierend, technisch extrem anspruchsvoll, regt zum Nachdenken an und ist gleichzeitig erschreckend und furchteinflößend. Wir begeben uns auf eine kleine Reise – nach China.

Die Regierungsvorlage für das chinesische Sozialkredit-System wurde am 14. Juni 2014 vom Staatsrat beschlossen. Das derzeit auf freiwilliger Basis funktionierende System soll Ende 2020 für die knapp 22 Millionen Einwohner Pekings verpflichtend in Betrieb sein und dann auf das ganze Land ausgeweitet werden. Angestrebt wird damit die Steigerung

  • der „Aufrichtigkeit in Regierungsangelegenheiten“
  • die Steigerung der „kommerziellen Integrität“
  • die Steigerung der „sozialen Integrität“
  • und die Steicherung der „gerichtlichen Glaubwürdigkeit“

Hohe ethische Ziele also. Um diese hohen ethischen Ziele zu erreichen, werden staatliche und private Datenbanken auf nationaler und subnationaler Ebene integriert und miteinander vernetzt. Es fließen zur Berechnung Daten zur finanziellen Bonität, zum Strafregister und zu weiteren als relevant erfassten Verhaltensweisen ein. Des Weiteren werden Daten von ausgesuchten Partnerunternehmen wie u.a. Alibaba (chinesisches Äquivalent zu Amazon), Tencent (chinesisches Äquivalent zu Facebook), Baidu (chinesisches Äquivalent zu Google) in die Bewertung einfließen.

Das System befindet sich bis 2020 in der Testphase. Im Pilotprojekt in der Stadt Rongcheng starten Personen mit 1000 Punkten. Je nach Verhalten werden Punkte hinzuaddiert oder abgezogen. Zur Bewertung werden neben der Kreditwürdigkeit, der Zahlungsfähigkeit und dem Strafregister auch das „persönliche Verhalten“ herangezogen. (Beispiele: Frauen belästigen, Kaugummi auf Straße spucken . . .)

Hierzu senden u.a. mehr als 200 Hersteller von Elektro-Autos, darunter VW, BMW, Daimler, Tesla, Ford, General Motors, Nissan, Mitsubishi und Nio seit 2017 gemäß nationaler Normung ca. 61 Messwerte, darunter zur Akku- und Motorenfunktion und Standortdaten regelmäßig an Auswertezentren.

Und die EU hat soeben Anfang Oktober die Ausweitung des Social-Point-Systems auf Unternehmen ausdrücklich begrüßt. Man erhofft sich damit einen leichteren Zugang auf den chinesischen Markt. Für jeden Unternehmens-Score werden über 300 einzelne Werte einberechnet – von der Zahlungsmoral, über die Einhaltung von Umweltschutz-Bestimmungen bis hin zum persönliche Score von Vorstand und Management.

Aber wir müssen gar nicht so weit in die Ferne blicken. Zur Erinnerung: TomTom, einer der größten Navigationsgerätehersteller, hat 2011 seine gespeicherten Verkehrsdaten an die niederländische Regierung verkauft. Das Ziel war die Verbesserung der Infrastruktur. Die Regierung hat die erworbenen Daten aber nicht, wie von TomTom angenommen, zur Verbesserung des Straßennetzes verwendet, sondern um Temposünder zur Kasse zu bitten.

TomToms Verkehrsinformationsdienst HD Traffic wertet unter anderem anonymisierte Bewegungsprofile von Navigationsgeräten mit Internetanbindungen und von Smartphones mit TomTom-App aus, um beispielsweise verlangsamten Verkehr oder Staus möglichst früh zu erkennen. Hierbei werden auch Daten wie Fahrgeschwindigkeitswerte übermittelt. Die niederländische Polizei nutzte diese Werte, um nachzuvollziehen, an welchen Stellen besonders viele Gerätenutzer sich nicht an das Tempolimit halten. An diese Stellen wurden dann Radarfallen aufgestellt. Der Verkauf der Verkehrsdaten ist an sich legal, von TomTom in den Nutzungsbedingungen angekündigt und wird auch weiterhin erfolgen. 

Doch zurück zu China. Derzeit laufen in China mehr als 70 Pilotprojekte, in denen verschiedene Aspekte des Systems getestet werden.

Unterstützt wird die Datenauswertung durch existierende Datenbanken, Auswertung der Mobilität (Handy + Fahrzeug) und durch über 600 Millionen geplante Kameras. Dieses System mit dem Namen Xue Liang, was so viel wie „Adleraugen“ bedeutet, soll die 1,4 Milliarden Einwohner im Auge behalten. Umgerechnet bedeutet dies 1 Kamera pro 2 Einwohnern.

Zum Vergleich:

London 2018: 4,5 Millionen Kameras = ebenfalls 1 Kamera pro 2 Einwohner

München 2017: 10.000 offizielle Überwachungskameras = 1 Kamera pro 120 Einwohner. Dazu kommen noch unzählige private Kameras und die Videoüberwachung in Läden. Nur 9,4% der Münchner Ladenbesitzer geben an, keine Videoüberwachung zu besitzen.

Doch zurück nach China. Das System identifiziert über Gesichtserkennungs-Software eine Person und kann das aktuelle Verhalten nach einem Analyse-Muster entsprechend bewerten – und Konsequenzen ziehen, z.B. die Polizei informieren. Und wer würde sich nicht darüber freuen, wenn er im Falle eines Überfalls schnell Hilfe von einem Einsatzkommando bekommt.

Einer der führenden Hersteller von intelligenten Kameras ist das chinesische Unternehmen Megvii. Gegründet wurde das Unternehmen 2011 von drei Studenten. Die Technik soll das Leben bequemer und sicherer machen, werben die Hersteller. Einige Studentenwohnheime können nur noch betreten werden, wenn der Gesichts-Scanner einen passieren lässt. Kunden eines Kentucky Fried Chicken Restaurants in Hanzhou können ihre Rechnung mit einem Lächeln begleichen. Der Erkennungsprozess dauert ein bis zwei Sekunden und basiert auf einer 3D-Kamera. Mehr als 400 Millionen Chinesen vertrauen dem Bezahldienst bereits.

Die Gesichtserkennungs-Software greift selbst in die kleinsten Dinge des Alltags ein: Um die Papierverschwendung einzudämmen, begrenzen öffentliche Toiletten im Testgebiet die Menge an Toilettenpapier pro Person. 60 Zentimeter = 20 Blatt gibt es pro Gesicht, dann ist Schluss.

Unterm Strich soll das chinesische System einen individuellen Score für jeden Bürger errechnen – und somit für ein Mehr an Gerechtigkeit und für eine gezielte persönliche Entwicklung des Einzelnen sorgen – im Sinne der gesellschaftlich staatlichen Wertevorstellungen. Der jeweilige persönliche Score basiert auf Verhalten, Umweltbewusstsein, sozialem Engagement,  etc. – und hat Folgen.

So können Karrieren durch einen negativen Score behindert werden. Möglich sind Reisebeschränkungen (keine Zug- oder Flugzeugtickets), die Drosselung der Internetgeschwindigkeit, der Ausschluss von öffentlichen Ausschreibungen und höhere zu zahlende Steuern (Hallo CO2-Steuer J).

Anfang 2019 wurde bekannt, dass die chinesische Regierung im Jahr 2018 auf Basis von Daten aus dem Projekt, den Kauf von 17,5 Millionen Flugtickets und 5,5 Million Zugfahrtscheinen durch Personen verweigert hatte, weil man den Reisenden verschiedene Verstöße zur Last legte und sie so über zu wenige Sozialpunkte verfügten.

Chinesische Staatsbürger mit einem positiven Rating bekommen hingegen schnelleren Zugang zu Krediten und werden bei Ausreisebestimmungen bevorzugt, wie z. B. bei der Beantragung eines Visums.

Die in China sehr verbreiteten, beliebten und gesellschaftlich wichtigen Dating-Portale haben diesen Trend bereits aufgegriffen. Gesucht werden z.B. potentielle Partner mit einem Social Score > 800. Die Konsequenz: Soziales Verhalten als Voraussetzung für genetische Reproduktion.

Wir sehen also an diesem Beispiel, wie moderne Technik individuelles Verhalten auf Basis vorab definierter Werte überwachen kann und damit das Individuum direkt mit den Folgen seines Tuns oder Nicht-Tuns konfrontiert. Und das System wird in China vom überwiegenden Teil der Bevölkerung bejaht und begrüßt. Denn wer Gutes tut wird belohnt – der Asoziale bestraft.

Das Problem ist also nicht die Technik – es ist das Menschenbild und die zugrunde liegenden Wertvorstellungen. Es geht nicht um eine Grenze der Ethik – es geht um die Frage, welche Werte sind uns wichtig und wie wichtig ist uns die Einhaltung dieser Werte. Was sind wir bereit dafür zu tun? Ein Problem, das jeder Hartz4-Empfänger oder Arbeitslose kennt. Wer sich nicht an die Wertvorstellungen und Vorgaben der Behörden hält, wird sanktioniert.

Das Ziel der Chinesen ist eigentlich ein sehr hehres Ziel. Es geht um eine ethische Weiterentwicklung des Einzelnen im Sinne der Gesellschaft – und in diesem Sinne um die dazu notwendige Überwachung und Kontrolle.

Die Technik soll in letzter Konsequenz zu einer besseren und gerechteren Gesellschaft führen. Der Gute wird belohnt – der Böse bestraft. Der ethisch korrekt Handelnde erhält Boni, der falsch Handelnde wird beschränkt. Es lohnt sich also ein „guter“ Mensch zu sein.

Damit sind wir wieder bei der Ethik. Wir Freimaurer bezeichnen uns ja selbst als ethischen Bund mit festen Werten. Und wie ich in meiner Zeichnung vor knapp 2 Jahren über das Thema „Werte und die Freimaurerei“ dargelegt habe, ist das doch etwas differenziert zu sehen. Die Werte der Aufklärung, auf die wir uns so gerne berufen, wurden mit den Guillotinen durchgesetzt.

Heute analysieren wir in unseren Logen über eine Art „Gesinnungsprüfung“ den Suchenden und treffen unser Urteil – Aufnahme oder Ablehnung, passt oder passt nicht. 3 negative Stimmen einer übergewichteten Minderheit genügen für die Ablehnung eines Suchenden. Dass es nicht soweit kommt, dafür haben wir ein Auswahlverfahren vorgeschaltet – ein gegenseitiges Kennenlernen. Und nach erfolgter Aufnahme „helfen“ wir dem Bruder als Brüder, damit er an seinem rauen Stein arbeitet und sich richtig entwickelt.

Doch zurück zur Ethik. Im Zentrum der Ethik steht das spezifisch moralische Handeln, insbesondere hinsichtlich seiner Begründbarkeit und Reflexion.

Ethik, als Bezeichnung für eine philosophische Disziplin, geht auf Aristoteles zurück, der damit die wissenschaftliche Beschäftigung mit Gewohnheiten, Sitten und Gebräuchen meinte. Er war der Überzeugung, menschliche Praxis sei grundsätzlich einer vernünftigen und theoretisch fundierten Reflexion zugänglich. Ethik war somit für Aristoteles eine Disziplin, die den gesamten Bereich menschlichen Handelns zum Gegenstand hat und diesen Gegenstand einer normativen Beurteilung unterzieht und – zur praktischen Umsetzung der auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse anleitet.

Ethik wird heute als die philosophische Disziplin verstanden, die Kriterien für gutes und schlechtes Handeln und für die Bewertung von Motiven und Folgen aufstellt. Sie ist von ihrer Zielsetzung her eine praktische Wissenschaft. Es geht nicht um ein Wissen um seiner selbst willen, sondern um eine verantwortbare Praxis . . . und mit moderner Technik lässt sich diese Praxis hervorragend auswerten, kontrollieren und gegebenenfalls steuern und beeinflussen.

Ethik soll dem Menschen Hilfen für seine sittlichen Entscheidungen liefern. Dabei kann die Ethik allerdings nur allgemeine Prinzipien und Normen guten Handelns oder ethischen Urteilens oder Wertvorzugsurteile für bestimmte Typen von Problemsituationen begründen. Die situationsspezifische Anwendung dieser Prinzipien auf neue Situationen und Lebenslagen ist nicht durch sie leistbar, sondern Aufgabe der praktischen Urteilskraft und des individuellen Gewissens.

Im Zentrum stehen drei Fragen:

  • Was ist das gute, bzw. das höchste Gut?
  • Wie handle ich in bestimmten Situationen richtig?
  • Wie steht es um die Freiheit des Willens?

Als philosophische Disziplin baut die Ethik auf das Prinzip der Vernunft und logische Argumente, während dietheologische Ethik sittliche Prinzipien als in Gottes Willen begründet und offenbart voraussetzt. Bekannt sind etwa die Du-Sollst-Aussagen der 10 Gebote im Judentum.

Die Frage, ob man überhaupt moralisch sein kann und auch soll, wird mit Platons Politeia in die Philosophie eingeführt. Es geht um die Frage, worin Gerechtigkeit besteht und was sie erstrebenswert macht. Ein Leitmotiv ist die Parallelität zwischen der Gerechtigkeit im Staat und der Gerechtigkeit innerhalb der Seele. Sokrates macht darauf aufmerksam, dass Gerechtigkeit zwar eine Eigenschaft von Individuen sei, aber sich am leichtesten erkennen lasse, wenn man den sozialen Kontext – also den Staat – ins Auge fasst. 

Ethik wird mit dieser Form zur Moralbegründung und zur Zweckrationalität. Ich erinnere hier an den weit verbreiteten Grundsatz „quid pro quo“, alias „Auge um Auge, Zahn für Zahn“ oder an Business-Strategien im Sinne einer Tit-for-Tat-Strategie.

Im Mittelpunkt der ethischen Debatte steht der Begriff der Handlung. Sie wird definiert als „eine von einer Person verursachte Veränderung des Zustands der Welt“. Und die wollen wir ja alle verbessern – in Rahmen unserer eigen individuellen und damit begrenzten ethischen Moralvorstellungen.

Handlungen unterscheiden sich von Ereignissen dadurch, dass wir als ihre Ursache nicht auf ein weiteres Ereignis verweisen, sondern auf die Absicht des Handelnden. Die Absicht ist ein von der Handlung selbst zu unterscheidender Akt.

Geplanten Handlungen liegt eine zeitlich vorausgehende Absicht zugrunde. Wir führen die Handlung so aus, wie wir sie uns vorher schon vorgenommen hatten. Mit Hilfe technischer Überwachung kann ich also Ereignisse vorhersagen, indem ich die Handlungen analysiere und gegebenenfalls korrigierend eingreife.

Der Begriff der Absicht ist von dem der Freiwilligkeit zu unterscheiden. Eine Handlung ist dann freiwillig, wenn sie mit Wissen und Willen durchgeführt wird. Soll das Assistenzsystem im Auto eingreifen, wenn ich aus freiem Willen wegen wohl überlegter Suizid-Absichten gegen den Betonpfeiler fahren möchte? Oder soll der Eingriff nur dann erfolgen, wenn die beabsichtigte Handlung beispielsweise durch ein nicht kalkuliertes Ereignis, wie Sekundenschlaf, Ohnmacht etc. erfolgt?

Die Voraussetzungen für derartige Entscheidungsparameter liegen im Bereich des Wissens. Was dies für die Technik bedeutet, sehen wir in der aktuellen Diskussion zum Thema „künstliche Intelligenz.“

Die Unwissenheit kann nur dann die Freiwilligkeit einer Handlung aufheben, wenn die handelnde Person sich nach besten Kräften vorher informiert hat, und sie mit dem ihr fehlenden Wissen anders gehandelt hätte.

Ist dem Handelnden eine Kenntnis der Normen oder der Folgen zuzumuten, ist er für ihre Übertretung verantwortlich. Das Sprichwort sagt: „Unwissenheit schützt vor Strafe nicht“. Dem wird auch im deutschen Strafrecht Rechnung getragen. So heißt es z. B. in § 17 StGB:

„Fehlt dem Täter bei Begehung der Tat die Einsicht, Unrecht zu tun, so handelt er ohne Schuld, wenn er diesen Irrtum nicht vermeiden konnte“ (aus der Urteilsbegründung zu den frauenfeindlichen Übergriffen auf der Domplatte in Köln Silvester 2017).

Für die sittliche Bewertung einer Handlung ist also das effektive Wollen wesentlich, also die Absicht ihrer Verwirklichung. Das setzt voraus, dass der Handelnde der Auffassung war, dass ihm eine Verwirklichung seiner Absicht möglich sei, d.h. dass das Ergebnis von seinem Handeln kausal herbeigeführt werden könne.

Gesteuert (manipuliert?) werden diese individuellen Absichten im gesellschaftlichen Kontext durch praktisch leicht verständliche Grundsätze.

3 Beispiele:

  1. Definition eines obersten Prinzips, wie z. B. der Kategorische Imperativ Kants
  2. Praktische Grundsätze, die sich aus dem obersten Prinzip ableiten, wie z. B. die 10 Gebote, Gesetze, etc.
  3. Sätze, die Entscheidungen formulieren, indem sie Maxime und gesellschaftliche Werte auf konkrete Lebenssituationen anwenden (Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not)

Gehen wir einmal davon aus, dass wir bestrebt sind, das Gute zu tun, auch in und mit unserer Technik. Gut ist, was für die Menschen gut ist. Oder für den Planeten? Oder meine Rasse? Oder meine Peer-Group? Oder mein Geschlecht? Und hier beginnt das Problem.

Was ist denn Gut für den einzelnen Menschen als Individuum?

Geht es um:

  • Glück (Eudämonismus)
  • Lust (Hedonismus)
  • Macht (Machiavelli)
  • Einheit mit Gott bzw. Gott selbst (Theologie)
  • Das Erwachen zu Weisheit und Mitgefühl (Buddhismus)
  • Bedürfnisbefriedigung (Hobbes)
  • Einheit von Tugend und Glück (Kant)
  • Freiheit (Sartre)

Werte sind sowohl gesellschaftlich relevant als auch individuell. Und das Ganze verändert sich. Wir sprechen heute vom „Wertewandel“ – ein vielgebrauchtes Schlagwort. Es bedeutet, dass sich bestimmte, in einer Gesellschaft allgemein akzeptierte Handlungsnormen im Verlauf der Geschichte verändert haben oder im Prozess der Veränderung sind.

Damit meint man aber in der Regel nicht, dass das, was früher für gut gehalten wurde, nun „tatsächlich“ nicht mehr gut sei, sondern nur, dass sich das allgemeine Urteil darüber geändert hat.

Was ist uns wichtig? Was sind unsere Werte? Individuelle Freiheit – oder Sicherheit? Privatheit – oder Bequemlichkeit und Komfort? Materielle Sicherheit – oder Selbstverwirklichung? Oder eine Mischung aus Allem? Die Entscheidung liegt bei uns selbst. Und das gilt gerade für unseren Umgang mit der Technik.

Nehmen wir als Beispiel ein altbekanntes technisches Gerät – ein Lastwagen. Ich kann mit ihm Waren von A nach B transportieren, oder auf einer Strandpromenade oder einem Weihnachtsmarkt Menschen vorzeitig in den ewigen Osten befördern. Sollen wir jetzt die Konsequenzen ziehen und beispielsweise Menschen aus bestimmten Herkunftsländern oder einer spezifischen Religionszugehörigkeit von der Anmietung eines LKWs ausschließen?

Oder sollen wir ein Social-Point-System wie in China nutzen, oder ein auf den Verkehr ausgelegtes Punktesystem verwenden, um den Zugang zum Straßenverkehr zu regeln?

Stopp: Das haben wir ja schon – Flensburg Verkehrssünderkartei. Ab einem gewissen Punktestand wirst du zur 1. Stufe der Umerziehung geladen, wo dir 1 Stunde lang Schockbilder von Unfällen und Opfern gezeigt werden. Wenn das noch nichts genützt hat, wirst Du zur Nachschulung gerufen. Und wenn das auch nichts nutzt, wirst Du medizinisch und psychologisch analysiert, ob es in deiner Physis oder Psyche Faktoren gibt, die deiner Teilhabe am Straßenverkehr entgegenstehen.

Oder nehmen wir ein Gewehr. Ich kann es im Sportverein einsetzen, auf der Jagd zur Ernährung meiner Familie, zur ökologischen Artensteuerung in einem Gebiet, zum Töten von Menschen im Fall von Verteidigung oder Eroberung, zum Erlangen materieller Güter, zur Durchsetzung von Machtansprüchen . . .

Ein weiteres Beispiel: Das Smartphone und GPS. Ich kann mein Handy dazu verwenden, den schnellsten und besten Weg zu finden – oder einen Terroristen mit Hilfe von Kreuzpeilung auf 2 m genau lokalisieren, um dann eine Drohne zielgenau zur Tötung einzusetzen. Ich rette damit viele Leben und muss aber unter Umständen Kollateralschäden in Kauf nehmen durch die Tötung Unbeteiligter.

Das Problem ist nicht die Technik, oder das Gerät. Auch nicht die Geschwindigkeit des technologischen Fortschritts. Das Problem ist die Ethik und die darin enthaltenen jeweils aktuellen Wertvorstellungen der jeweiligen Zeit oder Gesellschaft – beziehungsweise das Fehlen der selbigen. Das Problem ist das Fehlen von Werten und das Handeln nach nicht passenden oder falschen Wertvorstellungen. Doch wer trifft die Entscheidung? Gott hat immer recht? Die Partei hat immer recht? Die Natur hat immer Recht?

Der deutsche Philosoph Richard David Precht, Honorarprofessor in Lüneburg und Berlin, hat in seinem kürzlich erschienenen Buch „Jäger, Hirten, Kritiker – eine Utopie für die digitale Gesellschaft“ aufgezeigt: „Die Zukunft kommt nicht – sie wird von uns gemacht. Die Frage ist nicht: Wie werden wir leben? Die Frage ist: Wie wollen wir leben?“

(Wilhelm Gerbert, Oktober 2019)

Freiheit

Freiheit ist einer der Begriffe, über die nicht nur Philosophen diskutieren. Theologen, Ökonomen, Juristen, Politiker, Soziologen, Psychologen und Naturwissenschaftler – alle meinen darüber etwas sagen zu können und zu müssen. Und dann natürlich noch die Freimaurer als Konglomerat aller möglichen Professionen.

Als Freimaurer bekennen wir uns zu Werten. Der Großteil unserer freimaurerischen Werte entstammt dem Zeitalter der Aufklärung:

  1. Freiheit– soll verwirklicht werden durch die Freiheit von Unterdrückung und Ausbeutung als Grundvoraussetzung der Freiheit des Geistes und der individuellen
  2. Gleichheit -bedeutet Gleichheit der Menschen ohne Klassenunterschiede und Gleichheit vor dem Gesetz.
  3. Brüderlichkeit – wird verwirklicht durch Sicherheit, Vertrauen, Fürsorge, Mitverantwortung und der Verständigung mit- und untereinander.
  4. Toleranz – wird gelebt durch aktives Zuhören und Verständnis anderer Meinungen.
  5. Humanität – umfasst die Summe aller vorherigen vier Grundsäulen und wird durch den „Tempel der Humanität“symbolisiert, an dem Freimaurer arbeiten.

Der Begriff Freiheit ist also in einen Kontext eingebunden, in dem die einzelnen Ideale in einer Beziehung zueinander stehen, sich gegenseitig verstärken – aber auch begrenzen. Freiheit ist also kein für sich allein stehender Wert, sondern ist eingebunden in einen Wertekanon, der im Begriff der Humanität gipfelt.

Die philosophische Geschichte des modernen Freiheitsbegriffs beginnt mit Thomas Hobbes (1588–1679). Hobbes verstand Freiheit als Willkürfreiheit: Frei ist, wer tun kann, was er will, und daran von anderen nicht gehindert wird. Dieses Freiheitsverständnis hat man auch negative Freiheit genannt: Freiheit ist Unabhängigkeit von äußerlichen Zwängen.

Der Freiheitsbegriff, der unserem heutigen Verständnis zugrunde liegt, wurde im Zeitalter der Aufklärung entwickelt. Die Aufklärung beinhaltet einen intellektuellen Aspekt, nämlich die Befreiung von hergekommenen Dogmen und Vorurteilen. Der politisch gesellschaftliche Aspekt verlangt die Befreiung der Menschen aus der vormodernen Gesellschaftsstruktur. Er zielt vor allem ab auf

  • eine Trennung von Staat und Kirche,
  • eine Begrenzung des Staates durch Grundrechte
  • eine Kontrolle der Staatsgewalt durch Gewaltenteilung
  • und die Ablösung der Legitimierung der Staatsgewalt durch das Gottesgnadentum durch eine Rückbindung an die Interessen der einzelnen Menschen – letztlich durch Demokratie.

Blickt man auf die Gegenwart, so zeigt sich eine Ambivalenz:

  • Das Recht auf Selbstbestimmung ist gegenwärtig weithin anerkannt
  • Jedoch wird die Idee individueller Autonomie oft sehr verkürzt verstanden.

So wurde beispielsweise im ökonomischen Diskurs aus der Selbstbestimmung die Eigenverantwortung und aus dem Subjekt der Selbstbestimmung die Ich-AG.

Es dominiert zunehmend eine Vorstellung von Autonomie, wonach sich Selbstbestimmung und Angewiesensein auf andere genauso ausschließen, wie Selbstbestimmung und Sorge um das Wohlergehen anderer.

Heute sind wir bestimmt durch die Definition von Freiheit als Selbstverwirklichung und Selbsterfüllung.

Freiheit als Selbstverwirklichung beruht somit auf zwei Annahmen:

  1. Es gibt einen Unterschied zwischen selbstbestimmten und fremdbestimmten Handlungen.
  2. Es gibt einen Unterschied zwischen authentischen Wünschen und manipulativen, die uns von unserem „wahren Selbst“ entfremden.

Doch was ist das wahre Selbst?

Hier kommt eine Unterscheidung ins Spiel, die der britisch-russische Philosoph Isaiah Berlin (1909–1997) bei seiner Antrittsvorlesung als Professor für Gesellschaftstheorie in Oxford 1958 populär machte: Die Unterscheidung zwischen positiver und negativer Freiheit.

  • Negative Freiheit ist Freiheit von äußeren Einschränkungen.
  • Positive Freiheitist die Freiheit, über sich selbst zu bestimmen.

Berlin betont die manipulative Kraft von Ideen, insbesondere Ideen, welche eine einzigartige Wahrheit versprechen und somit zur Ideologie werden. Durch Wünsche wird das Individuum beeinflussbar. Und indem das Individuum basierend auf der „Definition von Freiheit als Selbstverwirklichung“ beeinflussbar wird, entsteht zunehmend eine unfreie Gesellschaft.

Es geht also um den Dualismus „Freiheit wovon“ und „Freiheit wozu“.

Aus dem Gesetz Schau über Dich“ und dem Korrektiv Schau um Dich“, verbleibt somit als wichtigstes das individuelle Entscheidungskriterium Schau in Dich“.

Das bedeutet: Jeder Einzelne hat die Möglichkeit eine Chance zu ergreifen, oder nicht. 

Freiheit bedeutet nicht nur zu tun, was man will, sondern nicht tun zu müssen, was andere von dir wollen.“